Erfahrungsmodul 5

 

Mögliche Aufgaben:

 

1. Sie erhalten hier Material, das Ihnen ermöglicht, sich eine gedankliche Grundlage zu erarbeiten, die hilfreich beim Planen und Vorbereiten unterrichtlicher Situationen sein kann. Das Material besteht aus einer interaktiven CD-ROM-Präsentation, in der verschiedene Sachverhalte multimedial und damit mehrkanalig (visuell, auditiv) dargeboten werden und aus Printmaterialien, die Sie ergänzend nutzen können.

2. Sehen Sie sich zunächst alles an und formulieren Sie dann konkrete Fragen, die sich aus dem Anschluss der Gedankenwelt an Ihre Vorerfahrungen ergeben. Versuchen Sie, diese Fragen mithilfe des Glossars bzw. des Internets oder durch die Print- bzw. Präsentationsmaterialien zu lösen. Falls Sie mit einem Partner arbeiten, versuchen Sie, einen konsensuellen Diskurs zu führen. Laden Sie gegebenenfalls den/die Dozenten/in in Ihre Runde ein.

Literaturverzeichnis    Glossar

 

Kulturen – Konstrukte – Diskurse

 

Aufgezeigt werden die Grundzüge einer konstruktivistisch-systemischen Kulturtheorie mit ihrer pädagogisch-didaktischen Relevanz, bezogen auf Musikunterricht.

Der Begriff „Kultur“ hat im Laufe der Jahrhunderte und philosophischen Positionswechsel einige Bedeutungswandlungen hinter sich gebracht. Ohne diese im einzelnen hier nachzeichnen zu wollen, sei für den Kontext von Musikunterricht erwähnt, dass der allgemein verbindliche Bildungskonsens lange Zeit, wie auch im Glossar bestätigt, von einem Elite-Kultur-Begriff ausging. D. h. im Falle der deutschen Gesellschaft, dass die bildungsbürgerliche Elite für sich in Anspruch nahm, „Kultur“ zu repräsentieren und das als Gesamtvertretungsanspruch. Wie Jan Assmann konstatiert, ist das kein einmaliges Ereignis: Eliten neigen grundsätzlich dazu, hegemoniale Machtansprüche anzumelden. Im Falle des Bildungsbürgertums ist es aber aktuell relevant, denn auch der heutige Musikunterricht ist noch stark von dieser Hegemonie geprägt. Das zeigt sich trotz Veränderungen im Detail doch immer noch am Grundbestand des verbindlich gemachten Kanons (Lehrpläne/Schulbücher) und innerhalb der Ausbildungsinstitute, hier besonders repräsentiert durch Prüfungsordnungen und deren inhaltliche Anforderungen. Besonders schwierig ist es, stereotyp gewordene gewohnheitsrechtliche Anspruchsgedanken in den Köpfen von Menschen zu relativieren, da sich oft ein Schleier der Selbstverständlichkeit darüber gelegt hat, der absolute Wahrheiten vorgaukelt. Man kann sagen, dass man im Zuge der Erfolge der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert, die mit Empirie eine vorgegebene unveränderliche Realität zu beweisen schienen, auch in den Geisteswissenschaften in einer Art Wettbewerb gleichziehen wollte und ebenfalls von unumstößlichen Wahrheiten träumte. Die Entwicklung der Empirie in den Geisteswissenschaften, wie Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie, Ethnologie usw., ließen dementsprechend hoffen.

In den letzten 10-20 Jahren zeichnete sich jedoch sowohl in den Naturwissenschaften, angekündigt bereits durch Einsteins Relativitätstheorie, die Kybernetik und die Quantenphysik, als auch in den Geisteswissenschaften ein Paradigmenwechsel ab. Ganz wesentlich auch mitgetragen durch die Hirnforschung und die darauf bezogene Kognitionswissenschaft geht man von einer stark relativierten Denkweise im Hinblick auf absolute Realitäten aus. Man weiß inzwischen, dass das menschliche Gehirn im wesentlichen selbstbezogen arbeitet, man nennt das ein selbstreferenzielles, rekursives autopoietisches System. Im Grunde ist es unfähig mit anderen zu kommunizieren, nur auf Selbsterhaltung ausgelegt und grundsätzlich auf sich selbst konzentriert. Es wird niemals feststellen können, was ein anderes Gehirn wirklich denkt, meint, fühlt und wahrnimmt. Nichtsdestoweniger ist es in der Lage, zu beobachten – doch: eine absolute Wirklichkeit, d. h. für alle verbindliche Wahrnehmungen zu beschreiben -  das ist ad absurdum geführt.

Diese Position ist der Ausgangspunkt für die Perspektive des sogen. Radikalen Konstruktivismus, verbunden mit den Namen Heinrich von Glasersfeld, Paul Watzlawick und Heinz von Förster und den Ausführungen der chilenischen Nobelpreisträger Humberto Maturana und Francisco Varela (s. Glossar und Literaturverzeichnis).

Im Begriff „Konstruktivismus“ steckt das Wort „Konstrukt“ und tatsächlich gehen die Konstruktivisten von einer konstruierten Wirklichkeit aus, d. h., die Welt, in der wir leben oder in der jeder einzelne lebt, ist unser bzw. sein Konstrukt, die Erfindung seines Gehirns, eine mentale Formation.

Eine mentale Formation ist nichts und versinkt wieder im Dunkel der Vergessenheit, wenn ihr nicht Dauer und Struktur beschieden sind. Es bedarf also eines Gerüsts, Entwurfs, einer raum-zeitlichen Matrix, um der Formation eine sinnlich fassbare Gestalt zu verleihen, sie mit Augen, Ohren, Tast-, Geschmacks-, Geruchssinn „greif“bar zu machen und sie damit verkörpert in den Raum zu projizieren. Das hat zur Folge, dass andere sinnesbegabte Wesen sie auch wahrnehmen können. Um sie zeitlich zu manifestieren, bedarf es Strategien der Dauer, sogenannter Mnemotechniken (Gedächtnis-).

Eine kulturelle Formation, die eine komplexe raum-zeitlich wahrnehmbare Matrix ausprägt, kann man System nennen. Die Komplexität kommt durch die Teilnahme vieler Individuen an der Ausgestaltung der Matrix zustande. Ohne diese Vielheit hätte eine kulturelle Matrix kaum eine Überlebenschance. Erst die Akzeptanz eines konsensuell kooperierenden Kollektivs garantiert die Voraussetzungen für eine stabile Projektion und dynamische Weiterentwicklung. Systemische Formationen und die dazu gehörenden Techniken sind beobacht- und beschreibbar. Beobachtung, Reflexion und Beschreibung von komplexen raum-zeitlich wahrnehmbaren kulturellen Systemformationen, ist die Aufgabe von Kulturwissenschaftlern.

Systemische Formationen sind niemals statisch, ständig im Fluss und zeigen eine dynamische Entwicklung, eine Anfangsphase, eine Stabilisierungsphase und eine Transformationsphase. Auch diese Dynamik ist beobacht- und beschreibbar. Deskriptiv erfassbar sind ebenso die Strategie der Generierung und Aufrechterhaltung kultureller Systeme. Bei diesen beschreibbaren Faktoren scheint es sich um anthropologische Grundkonstanten zu handeln, d. h., sie können als Denkmodell für jedes kulturelle System dienen, egal, in welchem geographischen Teil der Welt und egal, in welcher Machtposition sich das System befindet.

Kulturgenese, -stabilisierung, -aufrechterhaltung und –verfall finden statt in autopoietischer Rekursivität (Rückbezüglichkeit) von Systemkonstrukteuren, -trägern und Systemformationen und –struktur. „Der Teil hängt vom Ganzen ab und das Ganze bildet sich erst aus der Summe der Teile“ (Assmann, J. 1992) oder in einer Graphik von Escher betrachtet:

 Abb.0: Autopoiese

 

 

Abb. 1: Dynamik kultureller Systeme

Diese Graphik lässt sich vereinfacht zusammenfassend wie folgt erläutern:

I. Entstehungsphase:

Hauptaspekt für die Entstehung eines neuen kulturellen Systems ist eine marginale Situation eines Einzelnen oder einer Gruppe von Individuen. Dieses Marginalitätsgefühl stammt oft aus der Spiegelung an einer dominanten kulturellen Formation, der man aus bestimmten Gründen nicht angehört bzw. nicht angehören möchte. Daraus bildet sich eine sogen. Gegenidentität, denn eine mentale Identität benötigt man, um nicht im bedrohlich erscheinenden Meer der Bedeutungslosigkeit spurlos zu verschwinden. Dies ist beispielsweise der Fall bei Minoritäten, z. B. türkischen Stadt-Communities, gettoisierten Puerto-Ricanern in der Bronx oder tamilisch-hinduistischen Gruppen innerhalb einer sie umgebenden buddhistischen Gesellschaft, aber auch bei Jugendlichen, die sich von der kulturell dominanten Formation ihrer Eltern absetzen möchten. Hier einige Beispiele:

a)     Jüdische Kultur:

 

b)     Frauen-Kultur:

 

 

 

c)      Punk-Kultur:

 

Das Bedürfnis nach Ausprägung einer eigenen kulturellen Formation hat immer zwei Folgeaspekte:

1. Es werden Grenzmarken nach außen gesetzt und

2. Es werden vereinende Strategien nach innen angewendet.

Die gesammelten, neu erfundenen und konsensuell etablierten kulturellen Grenzmarken ergeben einen sogen. Grenzmarkenvorrat (Mühlmann 1985). Dieser kann aus allen denkbaren kulturellen verkörperbaren Ausdrucksformen bestehen, Liedern, Rhythmen, Tänzen, Gedichten, Prosa, Zeichnungen, Graphiken, Kleidung, Bewegungsformen, Körperornamentik, Schmuck, Haarstil usw. usw.

Mit diesen sinnlich wahrnehmbaren formativen Mitteln setzt sich die neue kulturelle Formation deutlich und distinktiv von der dominanten ab, bildet eine sogen. „limitische Struktur“. Räumlich projiziert kann man solche limitische Strukturen deutlich an Mauerbildungen erkennen, deren eindrucksvollstes Beispiel wohl die chinesiche Mauer darstellt. Trotz ihres stabilen Charakters hatte diese Mauer wohl weniger eine Schutzfunktion als eine symbolische Bedeutung hinsichtlich der Abgrenzung eines kulturell-hegemonialen Herrschaftsgebietes.

 

II. Stabile Phase:

Nach der markanten Projektion in den Raum muss nun ein Raum-Zeit-Kontinuum geschaffen werden, um den Trägern eines kulturellen Systems längst- und größtmöglichstes Identifikationspotenzial zu garantieren. Zeit-Kontinuität lässt sich nur mithilfe der Gedächtnisfunktion realisieren. Jan Assmann geht sogar so weit zu sagen, dass eine Kultur mit ihrem Gedächtnis identisch sei (1992). Der als Gedächtnisakt dynamisierte Zustand der Stabilität eines kulturellen Systems wird hier noch einmal graphisch dargestellt:

 

 

Abb. 2: Raum-Zeit-Kontinuum kultureller Systeme

 

Die einzelnen Strukturelemente dieser Matrix sind auf der CD-Rom im einzelnen versinnbildlicht und werden hier noch einmal deskriptiv ergänzt:

 

Zwei Merkmale kennzeichnen den Zustand der Stabilität eines kulturellen Systems:

a) Identitätskonkretheit und b) Verbindlichkeit.

 

 

Identitätskonkretheit bedeutet zusammenfassend gesagt die Tatsache, dass ein kulturelles System nur deshalb besteht und Bestand hat, weil es seinen Konstrukteuren und Trägern in autopoietischer Weise Identität ermöglicht; d. h. z. B. in Bezug auf Musik, dass sich die Kulturträger mit einer bestimmten Art von Musik identifizieren und sie als „ihre“ Musik betrachten; sie haben sich konsensuell auf eine bestimmte sonische Grenzmarkenauswahl verständigt und gehen nun mit ihr mittel- oder unmittelbar identitätsrelevant um.

Verbindlichkeit hat zur Folge, dass alle Kulturträger sich im wesentlichen der Auswahl anschließen, aber darüber hinaus auch ein ästhetisches Wertgefälle schaffen, das für verbindlich erklärt wird. Innerhalb eines Systems hat also der Begriff Ästhetik durchaus Relevanz und hierum können sich auch die immanent orientierten Musikwissenschaften kümmern – es darf nur nicht der Fehler begangen werden, das als verbindlich akzeptierte Wertgefälle eines kulturellen Systems auf ein anderes zu übertragen, was immer noch viel zu häufig geschieht (z. B. Ästhetik der Pop-Kultur im Vergleich mit der der bürgerlichen Klassik oder Ästhetik der Reggae-Kultur im Vergleich mit der der Metal-Kultur usw.)

Wenn der Zustand der Stabilität eines kulturellen Systems ein Gedächtnisakt ist, so bedarf es spezieller Techniken, in erster Linie Mnemotechniken, um ihn aufrecht zu erhalten:

Der in der Entstehungsphase gebildete Grenzmarkenvorrat muss ständig vom Gedächtnis wachgerufen präsent bleiben. Das erfolgt z. B. mithilfe der Wiederholung, die auf möglichst weitgehende Authentizität setzt. Beispiele dazu sind z. b. Feste und Riten, wie Weihnachten oder die Gottesdienste allgemein, deren zeitlicher Rahmen und Grundstruktur immer gleich bleibt und deren zelebrierter Grenzmarkenvorrat kanonisiert ist. Da sich jedoch interne und externe Mikrostrukturen dynamisch verändern, müssen immer wieder minimale Anpassungsleistungen vollzogen werden, um den Kernbestand nicht zu gefährden. Das ergibt dann Variationen im rekonstruktiven Akt, was, um beim Beispiel des Gottesdienstes zu bleiben, dann die Aufnahme fremdkultureller Elemente, z. B. Metalmusik zusätzlich zur Liturgie, zur Folge hat.

Eine weitere Strategie der Dauer ist die Formung der strukturellen Bestandteile eines kulturellen Systems:

Formung bezieht sich auf alle Sinne, denn nur so ist für außenstehende Beobachter die limitische Struktur eines kulturellen Systems wahrnehmbar. Formung erfolgt also visuell, textuell (oral und schriftlich), kinetisch, sonisch usw. Assmann nennt die „haltbar machenden“ Medien Schrift, Bilder und Riten, wobei sich sonische, klangbezogene Formung im wesentlichen innerhalb der Riten vollzieht, eine zunächst der Vergänglichkeit des Augenblicks ausgelieferte Formung, die in letzter Zeit jedoch durch neue technische Speichermedien relativiert werden konnte. Auch der Aspekt Multimedia, der ja oben erwähnte Konservierungsmedien zusammenführt, ist eine neue Dimension kultureller Kontinuitätsstrategie.

Die dritte mnemotechnische Strategie ist die der Organisation:

 

Unter Organisation fallen die Zeremonialisierung und damit auch Stereotypisierung von Kommunikationssituationen (z. B. Manifestation eines Machtanspruchs durch frontale Kommunikation) , die Errichtung von Räumlichkeiten, deren Gestaltung oft weit über den reinen Funktionalitätsaspekt hinaus geht (Repräsentation, Symbolwirkung) und die Ausbildung eines Spezialistentums, d. h., Professionalisierung der Träger des kulturellen Gedächtnisses.

Die letzte Strategie der Dauer ist die Reflexion:

Eine Spezialistengruppe innerhalb der Kulturträger beschäftigt sich mit der permanenten Reflexion des kulturellen Systems, sei es, dass die bestehende Praxis in Gefahr gerät, den Anspruch auf Viabilität (größtmöglicher Lebensbezug für die Kulturteilnehmer) einzubüßen oder dass kanonisierte Texte neu ausgelegt, umgedeutet oder kritisiert werden müssen bzw. eventuell andere zensiert. Es würde sich also hier um Beobachter zweiter Ordnung handeln. Diejenigen dritter Ordnung wären dann die Beobachter der Selbstthematisierung des Bildes des kulturellen Systems in der jeweils übergeordneten Gesellschaftsstruktur.

 

III. Transformationsphase:

Werden System und Systemträger zu „starr“, d. h., geht Flexibilität, aus welchen Gründen auch immer, verloren, dann kann man von Habitualisierung sprechen. Um das Überleben zu sichern, beginnt dann eine Phase der Öffnung für Außeneinflüsse, der Suche nach neuer Strukturierung mit anderen Elementen. Daraus ergeben sich synkretistische kulturelle Formationen, solange diese noch dem Quellsystem zugerechnet werden können. Von Transkulturalität kann man dann sprechen, wenn aus dieser vergleichsweise labilen Phase neue kulturelle Formationen hervorgehen, die eine eigene, nie dagewesene Qualität entwickeln, so dass sie nicht mehr das „alte“ System stabilisieren helfen, sondern der Ausgangspunkt für ein neues System sind, wie es z. B. beim Punk und beim Hip Hop Ende der 70er Jahre der Fall war. Folgende Grafik zeigt die Neuverfügbarkeit modularer Partikel in der Phase der Habitualisierung und gibt einen Überblick über die...

 

Pädagogisch-didaktische Reflexion

Was bringt die Kenntnis dieser philosophischen Grundlagen für die konkrete Unterrichtspraxis?

Zunächst erscheint es wichtig, die Rolle des Lehrenden nicht als „Opfer“ einer zufälligen Schulpolitik zu begreifen, sondern als möglichst selbstbestimmte, kritisch-reflexive Position. Konstruktivistisch-systemische Betrachtung von Kultur/en stärkt die kulturelle Differenzwahrnehmung und verortet die Lehrperson zunächst als Beobachter in einem globalen und nicht mehr provinziell-reduzierten, europäisch-abendländischen Zusammenhang. Es wird aus der Warte des kulturkonstruktivistischen Beobachters einfacher, vorher komplex und unentwirrbar scheinende Verwebungen und Verschachtelungen kultureller Formationen nun strukturell systematisierbar und damit differenziert zu begreifen und vor allem auch ihre Funktionalität im Hinblick auf das menschliche Individuum deskriptiv zu erfassen; s. hierzu den Vergleich der Verwebung kultureller Systeme innerhalb der bundesdeutschen bzw. der sri lankischen Gesellschaft:

 

 

 

Der zweite wichtige Punkt ist der der Dekonstruktion einer normativen und anmaßenden Ästhetik. Aus der Sichtweise der Funktionalität kultureller Systeme als Hilfsmittel der Identitätsgenese und –aufrechterhaltung heraus, lassen sich keine ästhetischen Hegemonialansprüche mehr anmelden. Jedes kulturelle System ist zunächst einmal wertfrei zu erfassender Beobachtungsgegenstand und vor allem unter dem Aspekt der biographischen Anschlussfähigkeit und der Identitätsgewährleistung für Lernende interessant. D. h. ja nicht, dass man sich der Fragestellung einer global gültigen Ethik entziehen muss; dort wo Systeme menschen- und lebensverachtende, faschistische oder machistische Strukturen entwickeln, können und sollen diese selbstverständlich zur Sprache kommen. Doch davon unberührt gilt es, Toleranz gegenüber systemimmanenter Ästhetik zu entwickeln – eine wichtige Voraussetzung im Umgang mit Fremdem.

Der soziale oder interaktionistische Konstruktivismus geht davon aus, dass sprachlicher Austausch die im Prinzip einzige Möglichkeit ist, konsensuelle Übereinkünfte zu entwickeln, abzugleichen und daraus eine zeitlich limitierte Realität zu schaffen. Sprachkompetenz im Hinblick auf systemische Funktionalität und Strukturierung von Kultur sind also das wichtigste kulturelle Kapital, das man entwickeln kann, um selbstbestimmt kulturelle Strukturen, Formationen und Entwicklungen mitzukonstruieren, zu verändern oder zu verlassen – eine wichtige Kompetenz, um Fremdbestimmtheit weitgehend zurückzudrängen und damit die nötige Ich-Stärke und Reflexionsfähigkeit zu entwickeln, um in einer multikulturellen Welt mit dem Gefühl des Erfolgs und der persönlichen Freiheit weitestgehend selbstbestimmt zu überleben.

Basierend auf neuerer Kognitionsforschung (Varela u. a.) geht man davon aus, dass das menschliche Gehirn im Laufe der Phylogenese (evolutive Entwicklung über Jahrmillionen) zwei grundsätzliche Areale der Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt hat:

1.      Den Bereich des sogen. Limbischen Systems mit der Amygdala, die die emotionalen Anteile an Wahrnehmungen verarbeitet und erzeugt und

2.      Den Bereich des Neo-Cortex, der die (logische, sequentielle) Reflexionsfähigkeit bereitstellt, die den Menschen vom Tier unterscheidet:

Hinzu kommen dann noch die unterschiedlichen Spezialisierungen verschiedener Areale in den Hirnhemisphären: s. Glossar!

 

Die folgende Tabelle fasst noch einmal den Weg von den Kognitionsfähigkeiten des Menschen bis zum pädagogischen Handeln zusammen: Im Moment nicht vorhanden - bitte später nboch einmal versuchen...

 

Literaturverzeichnis