Mögliche Aufgaben:
1. Sie erhalten hier Material, das Ihnen ermöglicht,
sich eine gedankliche Grundlage zu erarbeiten, die hilfreich beim Planen und
Vorbereiten unterrichtlicher Situationen sein kann. Das Material besteht aus
einer interaktiven CD-ROM-Präsentation, in der verschiedene Sachverhalte multimedial
und damit mehrkanalig (visuell, auditiv) dargeboten werden und aus Printmaterialien,
die Sie ergänzend nutzen können.
2. Sehen Sie sich zunächst alles an und formulieren
Sie dann konkrete Fragen, die sich aus dem Anschluss der Gedankenwelt an Ihre
Vorerfahrungen ergeben. Versuchen Sie, diese Fragen mithilfe des Glossars bzw.
des Internets oder durch die Print- bzw. Präsentationsmaterialien zu lösen.
Falls Sie mit einem Partner arbeiten, versuchen Sie, einen konsensuellen Diskurs
zu führen. Laden Sie gegebenenfalls den/die Dozenten/in in Ihre Runde ein.
Aufgezeigt werden die Grundzüge einer konstruktivistisch-systemischen
Kulturtheorie mit ihrer pädagogisch-didaktischen Relevanz, bezogen auf Musikunterricht.
Der Begriff „Kultur“ hat im Laufe der
Jahrhunderte und philosophischen Positionswechsel einige Bedeutungswandlungen
hinter sich gebracht. Ohne diese im einzelnen hier nachzeichnen zu wollen, sei
für den Kontext von Musikunterricht erwähnt, dass der allgemein verbindliche
Bildungskonsens lange Zeit, wie auch im Glossar bestätigt, von einem Elite-Kultur-Begriff
ausging. D. h. im Falle der deutschen Gesellschaft, dass die bildungsbürgerliche
Elite für sich in Anspruch nahm, „Kultur“ zu repräsentieren und das als Gesamtvertretungsanspruch.
Wie Jan Assmann konstatiert, ist das kein einmaliges Ereignis: Eliten neigen
grundsätzlich dazu, hegemoniale Machtansprüche anzumelden. Im Falle des Bildungsbürgertums
ist es aber aktuell relevant, denn auch der heutige Musikunterricht ist noch
stark von dieser Hegemonie geprägt. Das zeigt sich trotz Veränderungen im Detail
doch immer noch am Grundbestand des verbindlich gemachten Kanons (Lehrpläne/Schulbücher)
und innerhalb der Ausbildungsinstitute, hier besonders repräsentiert durch Prüfungsordnungen
und deren inhaltliche Anforderungen. Besonders schwierig ist es, stereotyp gewordene
gewohnheitsrechtliche Anspruchsgedanken in den Köpfen von Menschen zu relativieren,
da sich oft ein Schleier der Selbstverständlichkeit darüber gelegt hat, der
absolute Wahrheiten vorgaukelt. Man kann sagen, dass man im Zuge der Erfolge
der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert, die mit Empirie eine vorgegebene
unveränderliche Realität zu beweisen schienen, auch in den Geisteswissenschaften
in einer Art Wettbewerb gleichziehen wollte und ebenfalls von unumstößlichen
Wahrheiten träumte. Die Entwicklung der Empirie in den Geisteswissenschaften,
wie Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie, Ethnologie usw., ließen
dementsprechend hoffen.
In
den letzten 10-20 Jahren zeichnete sich jedoch sowohl in den Naturwissenschaften,
angekündigt bereits durch Einsteins Relativitätstheorie, die Kybernetik und
die Quantenphysik, als auch in den Geisteswissenschaften ein Paradigmenwechsel
ab. Ganz wesentlich auch mitgetragen durch die Hirnforschung und die darauf
bezogene Kognitionswissenschaft geht man von einer stark relativierten
Denkweise im Hinblick auf absolute Realitäten aus. Man weiß inzwischen, dass
das menschliche Gehirn im wesentlichen selbstbezogen arbeitet, man nennt das
ein selbstreferenzielles, rekursives autopoietisches System. Im Grunde ist es
unfähig mit anderen zu kommunizieren, nur auf Selbsterhaltung ausgelegt und
grundsätzlich auf sich selbst konzentriert. Es wird niemals feststellen können,
was ein anderes Gehirn wirklich denkt, meint, fühlt und wahrnimmt. Nichtsdestoweniger
ist es in der Lage, zu beobachten – doch: eine absolute Wirklichkeit, d. h.
für alle verbindliche Wahrnehmungen zu beschreiben - das ist ad absurdum geführt.
Diese Position ist der Ausgangspunkt für die
Perspektive des sogen. Radikalen Konstruktivismus, verbunden mit den Namen Heinrich
von Glasersfeld, Paul Watzlawick und Heinz von Förster und den Ausführungen
der chilenischen Nobelpreisträger Humberto Maturana und Francisco Varela (s.
Glossar und Literaturverzeichnis).
Im Begriff „Konstruktivismus“ steckt das Wort
„Konstrukt“ und tatsächlich gehen die Konstruktivisten von einer konstruierten
Wirklichkeit aus, d. h., die Welt, in der wir leben oder in der jeder einzelne
lebt, ist unser bzw. sein Konstrukt, die Erfindung seines Gehirns, eine mentale
Formation.
Eine mentale Formation ist nichts und
versinkt wieder im Dunkel der Vergessenheit, wenn ihr nicht Dauer und Struktur
beschieden sind. Es bedarf also eines Gerüsts, Entwurfs, einer raum-zeitlichen
Matrix, um der Formation eine sinnlich fassbare Gestalt zu verleihen,
sie mit Augen, Ohren, Tast-, Geschmacks-, Geruchssinn „greif“bar zu machen und
sie damit verkörpert in den Raum zu projizieren. Das hat zur Folge, dass
andere sinnesbegabte Wesen sie auch wahrnehmen können. Um sie zeitlich zu manifestieren,
bedarf es Strategien der Dauer, sogenannter Mnemotechniken (Gedächtnis-).
Eine kulturelle Formation, die eine komplexe
raum-zeitlich wahrnehmbare Matrix ausprägt, kann man System nennen.
Die Komplexität kommt durch die Teilnahme vieler Individuen an der Ausgestaltung
der Matrix zustande. Ohne diese Vielheit hätte eine kulturelle Matrix kaum eine
Überlebenschance. Erst die Akzeptanz eines konsensuell kooperierenden Kollektivs
garantiert die Voraussetzungen für eine stabile Projektion und dynamische Weiterentwicklung.
Systemische Formationen und die dazu gehörenden Techniken sind beobacht- und
beschreibbar. Beobachtung, Reflexion und Beschreibung von komplexen raum-zeitlich
wahrnehmbaren kulturellen Systemformationen, ist die Aufgabe von Kulturwissenschaftlern.
Systemische Formationen sind niemals statisch,
ständig im Fluss und zeigen eine dynamische Entwicklung, eine Anfangsphase,
eine Stabilisierungsphase und eine Transformationsphase. Auch diese Dynamik
ist beobacht- und beschreibbar. Deskriptiv erfassbar sind ebenso die Strategie
der Generierung und Aufrechterhaltung kultureller Systeme. Bei diesen beschreibbaren
Faktoren scheint es sich um anthropologische Grundkonstanten zu handeln,
d. h., sie können als Denkmodell für jedes kulturelle System dienen, egal, in
welchem geographischen Teil der Welt und egal, in welcher Machtposition sich
das System befindet.
Kulturgenese, -stabilisierung, -aufrechterhaltung
und –verfall finden statt in autopoietischer Rekursivität (Rückbezüglichkeit)
von Systemkonstrukteuren, -trägern und Systemformationen und –struktur. „Der
Teil hängt vom Ganzen ab und das Ganze bildet sich erst aus der Summe der Teile“
(Assmann, J. 1992) oder in einer Graphik von Escher betrachtet:
Abb.0: Autopoiese

Abb. 1: Dynamik kultureller
Systeme
Diese Graphik lässt sich vereinfacht zusammenfassend
wie folgt erläutern:
I. Entstehungsphase:
Hauptaspekt für die Entstehung eines neuen kulturellen
Systems ist eine marginale Situation eines Einzelnen oder einer Gruppe
von Individuen. Dieses Marginalitätsgefühl stammt oft aus der Spiegelung an
einer dominanten kulturellen Formation, der man aus bestimmten Gründen nicht
angehört bzw. nicht angehören möchte. Daraus bildet sich eine sogen. Gegenidentität,
denn eine mentale Identität benötigt man, um nicht im bedrohlich erscheinenden
Meer der Bedeutungslosigkeit spurlos zu verschwinden. Dies ist beispielsweise
der Fall bei Minoritäten, z. B. türkischen Stadt-Communities, gettoisierten
Puerto-Ricanern in der Bronx oder tamilisch-hinduistischen Gruppen innerhalb
einer sie umgebenden buddhistischen Gesellschaft, aber auch bei Jugendlichen,
die sich von der kulturell dominanten Formation ihrer Eltern absetzen möchten.
Hier einige Beispiele:
a) Jüdische Kultur:

b) Frauen-Kultur:


c) Punk-Kultur:

Das Bedürfnis nach Ausprägung einer eigenen kulturellen
Formation hat immer zwei Folgeaspekte:
1. Es werden Grenzmarken nach außen gesetzt
und
2. Es werden vereinende Strategien nach innen
angewendet.
Die gesammelten, neu erfundenen und konsensuell
etablierten kulturellen Grenzmarken ergeben einen sogen. Grenzmarkenvorrat
(Mühlmann 1985). Dieser kann aus allen denkbaren kulturellen verkörperbaren
Ausdrucksformen bestehen, Liedern, Rhythmen, Tänzen, Gedichten, Prosa, Zeichnungen,
Graphiken, Kleidung, Bewegungsformen, Körperornamentik, Schmuck, Haarstil usw.
usw.
Mit diesen sinnlich wahrnehmbaren formativen
Mitteln setzt sich die neue kulturelle Formation deutlich und distinktiv von
der dominanten ab, bildet eine sogen. „limitische Struktur“. Räumlich
projiziert kann man solche limitische Strukturen deutlich an Mauerbildungen
erkennen, deren eindrucksvollstes Beispiel wohl die chinesiche Mauer darstellt.
Trotz ihres stabilen Charakters hatte diese Mauer wohl weniger eine Schutzfunktion
als eine symbolische Bedeutung hinsichtlich der Abgrenzung eines kulturell-hegemonialen
Herrschaftsgebietes.
II. Stabile Phase:
Nach der markanten Projektion in den Raum muss
nun ein Raum-Zeit-Kontinuum geschaffen werden, um den Trägern eines kulturellen
Systems längst- und größtmöglichstes Identifikationspotenzial zu garantieren.
Zeit-Kontinuität lässt sich nur mithilfe der Gedächtnisfunktion realisieren.
Jan Assmann geht sogar so weit zu sagen, dass eine Kultur mit ihrem Gedächtnis
identisch sei (1992). Der als Gedächtnisakt dynamisierte Zustand der Stabilität
eines kulturellen Systems wird hier noch einmal graphisch dargestellt:

Abb. 2: Raum-Zeit-Kontinuum
kultureller Systeme
Die einzelnen Strukturelemente dieser Matrix
sind auf der CD-Rom im einzelnen versinnbildlicht und werden hier noch einmal
deskriptiv ergänzt:

Zwei Merkmale kennzeichnen den Zustand
der Stabilität eines kulturellen Systems:
a) Identitätskonkretheit und b) Verbindlichkeit.

Identitätskonkretheit bedeutet zusammenfassend gesagt die Tatsache, dass ein kulturelles
System nur deshalb besteht und Bestand hat, weil es seinen Konstrukteuren und
Trägern in autopoietischer Weise Identität ermöglicht; d. h. z. B. in Bezug
auf Musik, dass sich die Kulturträger mit einer bestimmten Art von Musik identifizieren
und sie als „ihre“ Musik betrachten; sie haben sich konsensuell auf eine bestimmte
sonische Grenzmarkenauswahl verständigt und gehen nun mit ihr mittel- oder unmittelbar
identitätsrelevant um.
Verbindlichkeit hat zur Folge, dass alle
Kulturträger sich im wesentlichen der Auswahl anschließen, aber darüber hinaus
auch ein ästhetisches Wertgefälle schaffen, das für verbindlich erklärt wird.
Innerhalb eines Systems hat also der Begriff Ästhetik durchaus Relevanz und
hierum können sich auch die immanent orientierten Musikwissenschaften kümmern
– es darf nur nicht der Fehler begangen werden, das als verbindlich akzeptierte
Wertgefälle eines kulturellen Systems auf ein anderes zu übertragen, was immer
noch viel zu häufig geschieht (z. B. Ästhetik der Pop-Kultur im Vergleich mit
der der bürgerlichen Klassik oder Ästhetik der Reggae-Kultur im Vergleich mit
der der Metal-Kultur usw.)
Wenn der Zustand der Stabilität eines kulturellen
Systems ein Gedächtnisakt ist, so bedarf es spezieller Techniken, in erster
Linie Mnemotechniken, um ihn aufrecht zu erhalten:

Der in der Entstehungsphase gebildete Grenzmarkenvorrat
muss ständig vom Gedächtnis wachgerufen präsent bleiben. Das erfolgt z. B. mithilfe
der Wiederholung, die auf möglichst weitgehende Authentizität setzt. Beispiele
dazu sind z. b. Feste und Riten, wie Weihnachten oder die Gottesdienste allgemein,
deren zeitlicher Rahmen und Grundstruktur immer gleich bleibt und deren zelebrierter
Grenzmarkenvorrat kanonisiert ist. Da sich jedoch interne und externe Mikrostrukturen
dynamisch verändern, müssen immer wieder minimale Anpassungsleistungen vollzogen
werden, um den Kernbestand nicht zu gefährden. Das ergibt dann Variationen im
rekonstruktiven Akt, was, um beim Beispiel des Gottesdienstes zu bleiben, dann
die Aufnahme fremdkultureller Elemente, z. B. Metalmusik zusätzlich zur Liturgie,
zur Folge hat.
Eine weitere Strategie der Dauer ist die Formung
der strukturellen Bestandteile eines kulturellen Systems:

Formung bezieht sich auf alle Sinne, denn nur
so ist für außenstehende Beobachter die limitische Struktur eines kulturellen
Systems wahrnehmbar. Formung erfolgt also visuell, textuell (oral und schriftlich),
kinetisch, sonisch usw. Assmann nennt die „haltbar machenden“ Medien Schrift,
Bilder und Riten, wobei sich sonische, klangbezogene Formung im wesentlichen
innerhalb der Riten vollzieht, eine zunächst der Vergänglichkeit des Augenblicks
ausgelieferte Formung, die in letzter Zeit jedoch durch neue technische Speichermedien
relativiert werden konnte. Auch der Aspekt Multimedia, der ja oben erwähnte
Konservierungsmedien zusammenführt, ist eine neue Dimension kultureller Kontinuitätsstrategie.
Die dritte mnemotechnische Strategie ist die
der Organisation:

Unter Organisation fallen die Zeremonialisierung
und damit auch Stereotypisierung von Kommunikationssituationen (z. B. Manifestation
eines Machtanspruchs durch frontale Kommunikation) , die Errichtung von Räumlichkeiten,
deren Gestaltung oft weit über den reinen Funktionalitätsaspekt hinaus geht
(Repräsentation, Symbolwirkung) und die Ausbildung eines Spezialistentums, d.
h., Professionalisierung der Träger des kulturellen Gedächtnisses.
Die letzte Strategie der Dauer ist die Reflexion:

Eine Spezialistengruppe innerhalb der Kulturträger
beschäftigt sich mit der permanenten Reflexion des kulturellen Systems, sei
es, dass die bestehende Praxis in Gefahr gerät, den Anspruch auf Viabilität
(größtmöglicher Lebensbezug für die Kulturteilnehmer) einzubüßen oder dass kanonisierte
Texte neu ausgelegt, umgedeutet oder kritisiert werden müssen bzw. eventuell
andere zensiert. Es würde sich also hier um Beobachter zweiter Ordnung handeln.
Diejenigen dritter Ordnung wären dann die Beobachter der Selbstthematisierung
des Bildes des kulturellen Systems in der jeweils übergeordneten Gesellschaftsstruktur.
III. Transformationsphase:
Werden System und Systemträger zu „starr“, d.
h., geht Flexibilität, aus welchen Gründen auch immer, verloren, dann kann man
von Habitualisierung sprechen. Um das Überleben zu sichern, beginnt dann
eine Phase der Öffnung für Außeneinflüsse, der Suche nach neuer Strukturierung
mit anderen Elementen. Daraus ergeben sich synkretistische kulturelle Formationen,
solange diese noch dem Quellsystem zugerechnet werden können. Von Transkulturalität
kann man dann sprechen, wenn aus dieser vergleichsweise labilen Phase neue kulturelle
Formationen hervorgehen, die eine eigene, nie dagewesene Qualität entwickeln,
so dass sie nicht mehr das „alte“ System stabilisieren helfen, sondern der Ausgangspunkt
für ein neues System sind, wie es z. B. beim Punk und beim Hip Hop Ende der
70er Jahre der Fall war. Folgende Grafik zeigt die Neuverfügbarkeit modularer
Partikel in der Phase der Habitualisierung und gibt einen Überblick über die...

Pädagogisch-didaktische Reflexion
Was bringt die Kenntnis dieser philosophischen
Grundlagen für die konkrete Unterrichtspraxis?
Zunächst erscheint es wichtig, die Rolle des
Lehrenden nicht als „Opfer“ einer zufälligen Schulpolitik zu begreifen,
sondern als möglichst selbstbestimmte, kritisch-reflexive Position. Konstruktivistisch-systemische
Betrachtung von Kultur/en stärkt die kulturelle Differenzwahrnehmung und verortet
die Lehrperson zunächst als Beobachter in einem globalen und nicht mehr provinziell-reduzierten,
europäisch-abendländischen Zusammenhang. Es wird aus der Warte des kulturkonstruktivistischen
Beobachters einfacher, vorher komplex und unentwirrbar scheinende Verwebungen
und Verschachtelungen kultureller Formationen nun strukturell systematisierbar
und damit differenziert zu begreifen und vor allem auch ihre Funktionalität
im Hinblick auf das menschliche Individuum deskriptiv zu erfassen; s. hierzu
den Vergleich der Verwebung kultureller Systeme innerhalb der bundesdeutschen
bzw. der sri lankischen Gesellschaft:

Der zweite wichtige Punkt ist der der Dekonstruktion
einer normativen und anmaßenden Ästhetik. Aus der Sichtweise der Funktionalität
kultureller Systeme als Hilfsmittel der Identitätsgenese und –aufrechterhaltung
heraus, lassen sich keine ästhetischen Hegemonialansprüche mehr anmelden. Jedes
kulturelle System ist zunächst einmal wertfrei zu erfassender Beobachtungsgegenstand
und vor allem unter dem Aspekt der biographischen Anschlussfähigkeit und der
Identitätsgewährleistung für Lernende interessant. D. h. ja nicht, dass man
sich der Fragestellung einer global gültigen Ethik entziehen muss; dort wo Systeme
menschen- und lebensverachtende, faschistische oder machistische Strukturen
entwickeln, können und sollen diese selbstverständlich zur Sprache kommen. Doch
davon unberührt gilt es, Toleranz gegenüber systemimmanenter Ästhetik
zu entwickeln – eine wichtige Voraussetzung im Umgang mit Fremdem.
Der soziale oder interaktionistische Konstruktivismus
geht davon aus, dass sprachlicher Austausch die im Prinzip einzige Möglichkeit
ist, konsensuelle Übereinkünfte zu entwickeln, abzugleichen und daraus eine
zeitlich limitierte Realität zu schaffen. Sprachkompetenz im Hinblick auf
systemische Funktionalität und Strukturierung von Kultur sind also das wichtigste
kulturelle Kapital, das man entwickeln kann, um selbstbestimmt kulturelle Strukturen,
Formationen und Entwicklungen mitzukonstruieren, zu verändern oder zu verlassen
– eine wichtige Kompetenz, um Fremdbestimmtheit weitgehend zurückzudrängen und
damit die nötige Ich-Stärke und Reflexionsfähigkeit zu entwickeln, um
in einer multikulturellen Welt mit dem Gefühl des Erfolgs und der persönlichen
Freiheit weitestgehend selbstbestimmt zu überleben.
Basierend auf neuerer Kognitionsforschung (Varela
u. a.) geht man davon aus, dass das menschliche Gehirn im Laufe der Phylogenese
(evolutive Entwicklung über Jahrmillionen) zwei grundsätzliche Areale der Wahrnehmungsfähigkeit
entwickelt hat:
1. Den Bereich des sogen.
Limbischen Systems mit der Amygdala, die die emotionalen Anteile an Wahrnehmungen
verarbeitet und erzeugt und
2. Den Bereich des Neo-Cortex,
der die (logische, sequentielle) Reflexionsfähigkeit bereitstellt, die den Menschen
vom Tier unterscheidet:

Hinzu kommen dann noch
die unterschiedlichen Spezialisierungen verschiedener Areale in den Hirnhemisphären:
s. Glossar!
Die folgende Tabelle fasst noch einmal den Weg
von den Kognitionsfähigkeiten des Menschen bis zum pädagogischen Handeln zusammen: